{"id":5447,"date":"2013-11-15T12:11:00","date_gmt":"2013-11-15T11:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/andreaschroeder.com\/?p=5447"},"modified":"2023-05-19T20:24:44","modified_gmt":"2023-05-19T18:24:44","slug":"das-blumenkind-des-bosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/das-blumenkind-des-bosen\/","title":{"rendered":"Das Blumenkind des B\u00f6sen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Andrea Schroeder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Blumenkind des B\u00f6sen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Andrea Schroeder geht durch die gro\u00dfe Stadt. Eine Stadt, die mit jedem Schritt gr\u00f6\u00dfer wird. Schneller, h\u00f6her und uferlos weit. Beschienen von Kunstlichtern. K\u00fchl. Grobk\u00f6rnig. Schwarz-Wei\u00df. Andrea Schroeder verweilt. Blickt. Sehnt. Horcht. Horcht den Bildern hinterher. Jedes tr\u00e4gt Worte in sich. Und ist randvoll mit Noten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Texte explodieren in Kl\u00e4nge<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Andrea Schroeder wendet dem Betrachter bisher den R\u00fccken zu. B\u00fcckt sich hier. B\u00fcckt sich dort. Pfl\u00fcckt etwas. Als sie sich endg\u00fcltig umwendet, tr\u00e4gt sie Blumen im Arm. Zehn Schwarze Rosen. Jede Rose ein Lied. Und die finden sich auf \u201eWhere The Wild Oceans End\u201c, dem Nachfolge-Album von Andrea Schroeders Erstling \u201eBlackbird.\u201c \u201eWenn es mit den Liedern doch so einfach w\u00e4re\u201c, reflektiert Andrea Schroeder, \u201edie Bilder sind da. Unbedingt. Doch die daraus resultierenden Lieder schreiben sich, wann sie sich schreiben wollen, nicht unbedingt, wenn ich es will. Es ist fast so, als ob die Rose im Kopf schon eine Rose ist, dann aber beim Arbeiten am St\u00fcck erst in ihre Einzelteile zerf\u00e4llt, die zusammenhanglos herumliegen. Der St\u00e4ngel. Die Dornen. Die Bl\u00e4tter. Die Bl\u00fcten.\u201c Die Zusammenh\u00e4nge werden eher unbewusst gekn\u00fcpft, und damit die Blume wiederhergestellt. Meist ausgel\u00f6st durch Gitarrenmelodien von Jesper Lehmkuhl, Andrea Schroeders Gitarristen. Sie erklingen so lange, bis es klickt und die Texte in die vorhandenen Kl\u00e4nge hinein explodieren. Und am Ende das Bild der Rose im Kopf mit der auf dem Notenblatt deckungsgleich ist. \u201eDas Dazwischen passiert, unkalkulierbar und oft \u00fcberraschend\u201c, f\u00fcgt die Berliner S\u00e4ngerin an. \u201eErst wenn ein St\u00fcck eine grunds\u00e4tzliche Wahrhaftigkeit, Emotionstiefe und Sinnlichkeit ausstrahlt, kommen die anderen Musiker ins Spiel\u201c, erkl\u00e4rt Jesper Lehmkuhl. Und bringt damit klar zum Ausdruck, dass es sich bei \u201eWhere The Wild Oceans End\u201c um eine echte Bandplatte handelt. Mit von der Partie sind dabei Geigerin Catherine Graindorge, Dave Allen am Bass, Chris Hughes am Schlagzeug und Chris Eckman. Der The Walkabouts-Mann produzierte das Album nicht nur, sondern ist auch an den Tasten zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Zwischen Lebenshunger und Daseinsekel<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon bei \u201eBlackbird\u201c mit gro\u00dfen Pinselstrichen angedeutet, ist auf&nbsp;&nbsp;\u201eWhere The Wild Oceans End\u201c die Atmosph\u00e4re noch d\u00fcsterer, unnahbarer und mystischer. Die Rosen sind nicht zuf\u00e4llig schwarz. Es sind Blumen des B\u00f6sen &#8211; ganz im Sinne von Charles Baudelaire. Die d\u00fcstere Aufmachung ist keine von Andrea Schroeder gespielte Rolle. Keine Attit\u00fcde. Es sind dr\u00e4ngende Gesten aus ihrem Innern. Sie zirkulieren mit dem Blut. Von da steigen sie dann bis in die Fingerspitzen auf. und durchzucken den ganzen K\u00f6rper. Die Geschichten, die Andrea Schroeder erz\u00e4hlt, sind lakonisch und handeln vom Gro\u00dfstadtmenschen. Von seiner Preisgegebenheit. Von seiner Hin- und Hergerissenheit. Von seinem Lebenshunger und seinem gleichzeitigen Daseinekel. Andrea Schroeder kultiviert dabei mit ihrer verraucht-verruchten Stimme die gewaltige Form der dionysischen Poesie. D\u00e4monen bev\u00f6lkern die Lieder. Spinnen mit fetten, haarigen Beinen kriechen ins Herz. Tote Augen \u00f6ffnen den Blick und irren als Geister durch Berlin. \u201eDoch es gibt auch die Helden der Gro\u00dfstadt, die die schon Dawid Bowie besungen hat\u201c, stellt Andrea Schroeder klar, \u201eund denen er in der Textzeile \u201aNiemand gibt uns eine Chance\/Doch k\u00f6nnen wir siegen\u2019 auch den besagten Lebenshunger attestiert.\u201c&nbsp;&nbsp;So kommt Andrea Schroeder nat\u00fcrlich nicht umhin, David Bowies St\u00fcck \u201eHelden\u201c f\u00fcr sich zu interpretieren. Dazu ist sie genau, wie der gro\u00dfe Meister, in die legend\u00e4ren Berliner Hansa-Studios gegangen. So verwebt Andrea Schroeder Bruchst\u00fccke der realen Gro\u00dfstadt-Welt, Symbole und Sinnbilder zu einer modernen, rasanten Sinfonie der Gro\u00dfstadt. Die K\u00fcnstlerin setzt dabei sowohl musikalisch, als auch textlich die filmische Technik der kurzen Schnitte ein, um so jedwede Lebendigkeit der Stadt plastischer werden zu lassen<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Balance auf der Rasierklinge<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch auch eine solche Schnitttechnik der Kl\u00e4nge braucht Raum\u201c, wei\u00dft Jesper Lehmkuhl, \u201eRaum, den die Musiker zur Verf\u00fcgung stellen m\u00fcssen. Raum, in dem sich die Stimme und die morbiden Geschichten entfalten und wirken k\u00f6nnen.\u201c Das tun sie formvollendet. Da werden Kl\u00e4nge hingetupft. Angedeutet. Da d\u00fcrfen Noten im Raum verklingen und ihn sich dabei erobern. Diese Stimmung des unwohlen Gef\u00fchls wird durch geschickt eingesetzte Effekt verdichtet. Dann sind da aber noch Violine und Gitarre, die dem gegens\u00e4tzlichen Schrei nach purem Leben Klang und Ausdruck verleihen. Andrea Schroeder vollf\u00fchrt mit diesem Album einen wahren Balanceakt auf dem schmalen Grad einer Rasierklinge, von der sie mit unerh\u00f6rt scharf gestelltem Blick auf die mit Widerwillen, Unlust und Verdruss verbundene Entfremdung des Menschen gegen\u00fcber dem Gro\u00dfstadtdasein genau so hinunterblickt, wie auf die hellen M\u00e4chte der Stadt. Dabei verf\u00fcgt die S\u00e4ngerin \u00fcber die seltene F\u00e4higkeit, ihre Texte in ihre Musikalit\u00e4t geradezu hinein zu steigern und dabei das Unklare mit dem Klaren zu vereinigen. Auf \u201eWhere The Wild Oceans End\u201c aktiviert sie eine Ausdrucksf\u00e4higkeit, die bis in die letzte, feinste M\u00f6glichkeit des Sagbaren reicht und ihr Klangkosmos weist eine bisher kaum erblickte Klarheit des Schliffs auf. Andrea Schroeders gesammelten Blumen des B\u00f6sen strahlen und funkeln wie Sterne. Wie der Mond. Und wie die Sonne. Ihre St\u00fccke haben nicht nur Klang. Sie haben Farbe. Geruch. Geschmack. Sie machen die Sinne toll. Ihre St\u00fccke sind so g\u00fcltig, zeitlos und erlesen, dass sie vor dem geistigen Auge des H\u00f6rers das Bild einer exquisiten Mitzuh\u00f6rerschaft geradezu provozieren. Dazu geh\u00f6ren Marlene Dietrich, Juliette Gr\u00e9co. Nico, Charlie Chaplin, Tom Waits, Nick Cave oder Ian Curtis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Franz X.A. Zipperer<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andrea Schroeder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Where The Wild Oceans End<\/p>\n\n\n\n<p>Glitterhouse Records\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Schroeder Das Blumenkind des B\u00f6sen Andrea Schroeder geht durch die gro\u00dfe Stadt. Eine Stadt, die mit jedem Schritt gr\u00f6\u00dfer wird. Schneller, h\u00f6her und uferlos weit. Beschienen von Kunstlichtern. K\u00fchl. Grobk\u00f6rnig. Schwarz-Wei\u00df. Andrea Schroeder verweilt. Blickt. Sehnt. Horcht. Horcht den Bildern hinterher. Jedes tr\u00e4gt Worte in sich. Und ist randvoll mit Noten. Texte explodieren in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4436,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[187,225,249,213,252,250,251,11,5],"class_list":["post-5447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-articles","tag-blackbird","tag-david-bowie","tag-franz-zipperer","tag-glitterhouse-records","tag-hansa-studios","tag-helden","tag-heroes","tag-jesper-lehmkuhl","tag-where-the-wild-oceans-end"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5447"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5447\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreaschroeder.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}